O Madonna mia! – Warum die Italiener ihre Madonna so lieben

Vor sechs Monaten bin ich in meine neue Wohnung gezogen. Auf der Terrasse hatten die früheren Besitzer einen kleinen Marienschrein angebracht. Darin steht eine hübsche Madonna mit hellblauem Kleid, die sie von einer Pilgerreise mitgebracht hatten.
Als sie auszogen, bat ich sie, die Madonna dort zu lassen.
Ich liebe diese kleinen Marienfiguren, die einem in Italien überall begegnen. Mein Lebensgefährte Massimo macht sich deshalb gerne über mich lustig. Meine Begeisterung für die Madonnen sei wohl der endgültige Beweis dafür, dass ich eine echte Italienerin geworden bin.
Vielleicht hat er recht.
Aber warum ist die Madonna für uns Italiener eigentlich so wichtig?
Die Mamma über allen Mamme
„O Madonna mia!“ – diesen Ausruf hört man in Italien ständig. Wenn etwas schiefgeht, wenn man erschrickt oder einfach nicht glauben kann, was gerade passiert ist.
Selbst Menschen, die mit der Kirche überhaupt nichts anfangen können, rufen nach der Madonna.
Sie ist eben überall. Als kleine Figur über der Theke einer Bar, als Anhänger an einer Halskette, in einer Metzgerei oder an einer Straßenecke. Und natürlich in unseren Kirchen, wo sie auf unzähligen Gemälden und Skulpturen zu sehen ist.
Vielleicht hat das auch mit der besonderen Stellung der Mutter in Italien zu tun.
Die Mamma ist hier schließlich eine Institution. Sie hält Familien zusammen, sorgt sich um ihre Kinder und hat oft noch ein gewichtiges Wort mitzureden, wenn diese längst erwachsen sind. Nicht umsonst gibt es das italienische Wort Mammoni für Männer, die sich nur schwer von ihrer Mutter lösen können.
Und wenn die Mamma schon im italienischen Familienleben eine so große Rolle spielt, welche Bedeutung muss dann erst die Mutter Jesu haben?
Die Madonnelle – kleine Beschützerinnen Roms
Besonders schön finde ich die kleinen Marienschreine an den römischen Hausfassaden. Wir nennen sie Madonnelle.

Wer aufmerksam durch Rom spaziert, entdeckt sie an Straßenecken, über Hauseingängen und an alten Palästen. Manche sind reich verziert, andere ganz schlicht. Oft stehen frische Blumen davor, manchmal brennt eine Kerze.
Ihre Geschichte reicht weit zurück.
Schon im antiken Rom gab es kleine Heiligtümer an Straßenkreuzungen, die den Schutzgottheiten eines Viertels gewidmet waren. Mit der Ausbreitung des Christentums traten an ihre Stelle zunehmend christliche Bilder, besonders häufig die Madonna.
Sie sollte die Bewohner, ihre Häuser und die Menschen auf den Straßen beschützen.
Im 19. Jahrhundert zählte man in Rom mehr als 1.500 solcher Madonnelle. Heute sind noch einige Hundert erhalten.
Ich mag den Gedanken, dass diese kleinen Bildnisse seit Jahrhunderten über das Leben der Stadt wachen. Über all die Menschen, die hier gewohnt, gearbeitet, geliebt und gestritten haben.
Eine Mutter, die auch die Kunst geprägt hat
Natürlich begegnet uns Maria in Rom nicht nur auf der Straße.
Eine der ältesten bekannten Darstellungen von Maria mit dem Jesuskind befindet sich in den Priscilla-Katakomben. Sie stammt vermutlich aus dem 2. Jahrhundert.
Und dann sind da die großen Kunstwerke.
Michelangelos Pietà im Petersdom, die Mutter, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält. Oder Caravaggios Madonna dei Pellegrini in der Kirche Sant'Agostino, vor der zwei Pilger mit schmutzigen Füßen knien.
Mich berührt besonders, dass Maria in diesen Werken nicht nur eine ferne, göttliche Gestalt ist.
Sie ist eine Mutter.
Eine Frau, die ihr Kind liebt, die sich sorgt und die Schmerz empfindet. Vielleicht liegt gerade darin ein Teil ihrer besonderen Bedeutung für die Italiener: Man muss nicht besonders gläubig sein, um diese Gefühle zu verstehen.

Eine Liebe, die über den Glauben hinausgeht
Die Verehrung der Madonna gehört so selbstverständlich zur italienischen Kultur, dass sie längst nicht mehr nur eine religiöse Angelegenheit ist.

In vielen Orten wird sie mit Prozessionen, Musik und großen Festen gefeiert. Ganze Familien kommen zusammen, manchmal reisen Menschen von weit her an.
Besonders im Süden Italiens sind diese Traditionen bis heute lebendig.
Und dann ist da natürlich der 15. August, Ferragosto.
An diesem Tag feiert die katholische Kirche Mariä Himmelfahrt. Gleichzeitig ist Ferragosto der vielleicht wichtigste Sommerfeiertag Italiens. Die Städte leeren sich, die Familien fahren ans Meer oder in die Berge, und überall wird gemeinsam gegessen und gefeiert.
Dass sich an diesem Tag christliche Tradition und italienische Sommerfreude miteinander verbinden, finde ich sehr bezeichnend.
Denn die Madonna gehört auch zu jenen italienischen Gewohnheiten, die Menschen miteinander teilen, unabhängig davon, wie eng sie sich der Kirche verbunden fühlen.
Ein Stück Italien auf meiner Terrasse
Wenn ich heute auf meine Terrasse gehe und die kleine Madonna in ihrem hellblauen Kleid sehe, denke ich nicht zuerst an Religion.
Ich denke an all die Madonnelle, die ich auf meinen Spaziergängen durch Rom entdeckt habe. An die großen Marienbilder in unseren Kirchen, an die Blumen vor den kleinen Schreinen und an die Menschen, die im Vorbeigehen kurz zu ihnen aufblicken.
Und ich denke an die besondere Rolle der Mamma in unserem Leben.
Vielleicht ist die Madonna deshalb in Italien so viel mehr als eine religiöse Figur. Sie steht für Schutz, Trost und die bedingungslose Liebe einer Mutter.
Massimo darf also ruhig weiter darüber scherzen, dass ich inzwischen eine echte Italienerin geworden bin.
Meine kleine Madonna bleibt jedenfalls auf der Terrasse.
Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie dort schon immer hingehört hat.



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