Marmor, Berge – und eine neue Freundschaft
- berlinagnieszka
- 3. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit

„Ciao, Maria Paola. Mein Name ist Agnieszka. Ich rufe dich aus Rom an. Nunzio hat mir deine Telefonnummer gegeben. Er hat mir gesagt, dass ich mich wegen meines Projekts, wegen meiner Reise im September gerne an dich wenden kann. Hast du einen Moment Zeit für mich?“
So begann unser Gespräch. Und manchmal spürt man es schon nach wenigen Sätzen: Da ist jemand auf der gleichen Wellenlänge. Maria Paola vom Naturschutzverband Legambiente in Carrara und ich verstanden uns sofort. Wir verabredeten ein Treffen.
Gestern war es so weit. Ich war – mal wieder – in der Lunigiana, um mich auf die Kulturreise im September vorzubereiten. Ein wichtiger Bestandteil dieser Reise wird das Thema Marmor sein. Denn was wir so oft nur als edles, weißes Material in Museen oder Kirchen wahrnehmen, hat eine andere, sehr komplexe Realität. Und genau darüber wollte ich mit Maria Paola sprechen.

Ich fuhr also auch nach Carrara, um mich mit Maria Paola zu treffen. Eine Stadt, deren Geschichte eng mit dem Marmor verbunden ist – und die zugleich spürbar von wirtschaftlichem Niedergang gezeichnet ist. Viele Geschäfte sind geschlossen, Cafés leer. Es gibt nur noch Billigläden, dort, wo früher Schokolatiers, Möbelläden oder Maßschneidereien waren.
Carrara war einmal ein Ort der Kunsthandwerker. Hier wurde nicht nur Marmor abgebaut, sondern auch verarbeitet – in Werkstätten, in denen Skulpturen für Künstler aus aller Welt entstanden. Diese Werkstätten gibt es kaum noch. Auch die Arbeit in den Steinbrüchen selbst hat sich verändert. Früher arbeiteten Tausende Männer dort – heute sind es nur noch wenige Hundert. Maschinen haben die körperliche Arbeit ersetzt. Und: Die meisten Firmen, die den Marmor abbauen, sitzen heute im Ausland. Der Reichtum verlässt die Stadt – was bleibt, ist der Staub.
Ich war also neugierig, wem ich begegnen würde. Maria Paola hatte mich zu sich nach Hause eingeladen – aus gutem Grund: Ihr Engagement ist bekannt, und nicht alle sehen es gern. Sie ist eine der wenigen, die offen gegen die Ausbeutung der Natur durch den Marmorabbau sprechen. In Carrara ist das nicht ungefährlich. Sie geht nie in die Nähe der Steinbrüche, ohne Gefahr zu laufen, angefeindet zu werden.
Umso mehr berührte mich, wer mir da die Tür öffnete: eine zierliche Frau, vielleicht 1,55 groß, voller Energie – aber keine kämpferische Amazone. Von ihr ging eine stille Entschlossenheit aus, ein Optimismus, der nicht resigniert.
Wir saßen lange zusammen, haben viel gesprochen – und ein Konzept für die Reise im September entwickelt. Maria Paola wird meine Gäste nicht nur mitnehmen in die Berge, sondern ihnen auch erklären, wie sich Carrara verändert hat. Wie der Marmor einst Segen und Lebensgrundlage war – und heute immer mehr zum Symbol für Ungleichheit, Umweltzerstörung und Verlust wird.

Und doch: Wir waren uns einig, dass unsere Gäste nicht mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit fahren sollen. Sondern mit einem offenen Blick für Zusammenhänge – und vielleicht mit der Erkenntnis, wie wichtig es ist, Fragen zu stellen.
Als wir uns verabschiedeten, mit einer Umarmung und den üblichen Küssen auf die Wange, hatte ich das Gefühl, eine neue Freundin gefunden zu haben.
Ich freue mich schon sehr darauf, dass meine Gäste Maria Paola und ihren Mann kennenlernen werden. Und ich freue mich darauf, gemeinsam über Schönheit, Verantwortung und Wandel zu sprechen. Dort, wo der Marmor zuhause ist – und die Geschichten, die er erzählt, mehr sind als nur glänzende Oberflächen.







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